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Wenn das kulturelle Erbe zum Fetisch wird

schreibt Fabien Levy in der NMZ- Neue Musikzeitung 4, 2021 und fährt fort: sind Musikintitutionen Komplizen reaktionären und hegemonialen Denkens. Diese Beobachtung wird festgemacht am Pilotprojekt der Berliner Philharmonie eines Präsenzkonzertes im März, wiederholt am Ostersonntag auf Arte im Digital Concert Hall. Begleitet wurde das Projekt durch die Pressestelle der Charité, die den Kern dieses Pilotprojektes darstellte, nämlich den absoluten Gesundheitsschutz. Damit sollten praktische Tauglichkeiten überprüfte werden, die evtl. auf andere Schutzeinrichtungen übertragbar wären. Ob noch weitere Veranstaltungen stattfinden, die diese Ziele untermauern, ist zur Zeit fraglich, es untermauert aber die Ziele dieses Projektes, Notbremsen für die Testpiloten?

Die Frage, ob Musik für die jetzt zu erwartenden Umbrüche rüsten kann, sind nicht neu aber sie sind noch offensichtlicher als in den vergangenen Jahren, als die Neue Musik sich zunehmend in ein Rückzugsgebiet verwandelte und nur noch in einigen ausgewählten Orten vor einem ausgewählten Publikum stattfand. Neue Musik hatte sich zu einem Schlagwort verwandelt, dem entweder mit Unverständnis oder Missachtung, d.h. Offen ausgetragener Missbilligung begegnet wurde. Dieses beweist jetzt die Panepidemie und ihrer Folgerungen. So wie die Informationen über die Auswirkungen der Epidemie und ihrer Begründungen sich völlig auf die naturwissenschaftlichen Folgen konzentrierten, auch wenn diese nicht von allen, auch dem politischen Lager verstanden wurden, eine menschliche und geistige Wertung unterblieb. Die Wertung der Schließung aller kulturellen Veranstaltungen bezog nur die sogenannte soziale Komponente ein. Dieses wurde verstärkt durch Vorschläge zur Homeveranstaltung von Konzerten und Theater, die bewiesen, dass eine Neudefinition oder eine moderne Sichtweise auf Kunst und Kultur in diesem Lande fehlen und nicht in Sicht sind. Die Sichtweise ist die des 19.Jahrhunderts, als Veranstaltung kleiner Fürstenhöfe, als kulturelle Veranstaltungen in erster Linie dem höfischen Gepränge einer kleinen Schicht galten. Damals wurde – bis auf Ausnahmen – die große Kraft kreativer Impulse nicht erkannt und das muss man leider sagen, ist es bis heute nicht. Dieses wird diesem Land schaden, da mag man die Situation mit geschenkten Laptops bekämpfen, soviel man will. Ohne Kreativität keine Einfälle und ohne Begegnung keine neuen Ideen. Leider lehrt die Epidemie dies in aller Deutlichkeit.

Nun aber zurück zum Präsenzkonzert. Man wollte es zur Forschung neuer Hörschutzeinrichtungen nutzen. Es kam den Veranstaltern nicht in den Sinn, dass man nach der Abwertung aller künstlerischer Ziele diese vielleicht gar nicht mehr braucht. Wenn Kunst und besonders hier die Musik nicht mehr existiert, sind vielleicht alle diese Experimente völlig unnötig. Dies wird unterstrichen mit der Auswahl Neuer Musik für dieses Programm. Standardkost, Tschaikowsky und Rachmaninov standen auf dem Programm, kein Stück, nicht einmal ein Stückchen eines modernen Komponisten. Dieses mag ja dem Naturell des Dirigenten entsprechen aber es ist die klassische Musik einer vergangenen Generation und zeigt in aller Deutlichkeit den Tod aller Neuen Musik der letzten 50 Jahre. Nicht einmal ein Begräbnis für ein kulturelles Erbe der letzten Jahre, wie es noch M. Reichert vor uns ausbreitete. Es bleibt nichts —absolutes Nichts—.

Zusammenarbeit – wo und wann?

Als vor vielen Millionen Jahren die Vorfahren der Neandertaler aus der südafrikanischen Savanne in kleinen Gruppen sich auf die Wanderschaft quer durch die Kontinente begaben, überlebte sie diese, weil sie einen Informationstransfer, der auf ihrer Zusammenarbeit basierte, aufbauten.

Es waren kleine Gruppen, die zusammenarbeiteten, lebensnotwendig in einer feindlichen Umwelt. Sie sammelten Informationen, die der Informant an die anderen weitergab. Das war neu.

Wir können also annehmen, dass diese Eigenschaften sich bei den ersten Menschen, soweit wir heute dieses auf Grund von Funden weiterverfolgen können, als bestimmend ausbildeten., gefolgt von sozialem Verhalten gegenüber anderen Mitgliedern der Gruppe und den ersten Überlieferungen an Hand von Geschichten und den Sinn für Schönheit, wunderbar ausgeprägt in den folgenden Jahrhunderten in den überlieferten Höhlenmalereien.

Wie immer das tägliche Leben dieser Menschengruppen ausgesehen hat, es war bestimmt von der Jagd und zunehmend von Erzählungen in der Höhle um das Feuer und in der Gruppe.

Ohne eine Zusammenarbeit war kein Überleben möglich.

So ist anzunehmen, dass diese zum Grundkodex der Gruppe und der Aufzucht der Nachkommen gehörte. Dazu gehörten auch die darauf basierenden Informationen zum Überleben.

Wir heutigen Menschen gehen nicht mehr auf die Jagd aber die DNA zur Zusammenarbeit steckt in unseren Genen und manifestiert sich täglich. Sie wird noch notwendiger im Zeitalter der Digitalisierung und Vernetzung. Aber sie wird heute zerstört durch das Corona Verhalten und dessen Forderungen: Abschottung und Abstand zerstört diese unsere menschliche Grundlage. Dies ist so ein starker Eingriff in das menschliche Verhalten, dass heute noch nicht ausgemacht ist, was letztendlich zerstörerischer wirkt, die Epidemie oder der Tod der gegen unseren Humanismus und unsere DNA gerichtete Kooperation. Dabei muss befürchtet werden, dass diese Zerstörung an unsere Nachfahren weitergegeben wird. Erziehung der Kinder und Jugendlichen werden heute unter dem verächtlichen Wort Care Arbeit subsumiert. Dieses schließt den Gedanken aus, dass Erziehung mehr ist als Klötzchen auf dem Bildschirm zu erdulden. Rousseau setzte mit dem Emile den Grundgedanken einer Erziehung, die einen ganzen Menschen erfordert. Es war die Quelle der Aufklärung und der modernen Pädagogik und forderte die Begleitung eines ganzen Menschen. Es scheint so, als ob wir uns von diesen Ideen und Idealen entfernen, was die Zukunft weiter eintrübt. Menschen, denen die Erziehung nicht so viel wert, die sich nur um die Versorgung des Nachwuchses kümmern werden in einer Welt, die mehr denn je auf Zusammenarbeit angewiesen ist, finden keine nachhaltigen Wege des Überlebens Die Ökologie mag uns noch harte Lektionen lehren. Sie sind aber folgenlos und ihre Erfolgsaussichten gering, wenn Menschen nicht kooperieren, auch bei der Weitergabe von Informationen.

Die Panepidemie ist gefährlich, aber der harte Lehrgang, Kooperationen zu beenden und zu einer Gefahr werden zu lassen, kann noch gefährlicher werden. Bibliotheken könnten zu Orten der Zusammenarbeit werden, zur Bildung von Netzwerken, die wir für den Neubeginn von Kooperationen so dringend brauchen werden.  Sie wurden in allen Berichten über Hilfsorganisation und Folgen nicht einmal erwähnt. Fußball sperrte Menschen aus und vor den Fernseher. Es ist die Fratze einer Kooperation.

KOMMUNE

Meine lieben Brüder und Schwestern spricht der Apostel die Gemeinden an, die seiner neuen Lehre, der Nachfolge Christi folgen, also die ersten christlichen Gemeinden. Er mahnt und tröstet sie gerade in dieser Zeit, die wir heute die Fastenzeit nennen, die Zeit in Erwartung der Passion und Ostern, den Höhepunkt im christlichen Jahr. Er nennt nicht ihre Sünden und erinnert nicht an Missetaten, sondern tröstet sie und zwar alle – als Gemeinde, als Kommune. Es waren nicht nur die Juden, die vor über 1000 Jahren Gemeinden in Deutschland gründeten, es waren Christen, die in einem bestimmt mitunter gefährlichen und von Not bestimmten Leben hier als Gemeinde angesprochen wurden. Als Brüder und Schwestern sah der Apostel sie, nicht als Lehrer oder Bürgermeister, nicht als Dieb oder Ehepartner, sondern als Gemeindemitglieder, als Kommune.

Es wäre den Aposteln auch nicht in den Sinn gekommen, sie als Minderheit anzusprechen, als Christen mit einer Heilsbotschaft, die, was ja später geschah, der politischen Klasse verdächtig wurden, die sich, wie es ja durch den Tod Christi offenbar wurde, der herrschenden Klasse gefährlich wurde. In den Briefen, die uns durch die Bibel überliefert wurde, ist davon keine Rede, sondern die Mitglieder der Gemeinde werden zu Liebe und Toleranz, zu Rücksicht und einem guten Miteinander aufgefordert.

Die Bibliotheken in Berlin öffnen wieder., und die Einwohner von Berlin können sich ihren Lesestoff holen, sagt der Kultursenator Lederer und zeigt auf eine erschütternde Art und Weise, dass er nichts begriffen hat. Abholstationen für Lesestoff, das ginge auch einfacher. Jeder Einwohner von Berlin bekommt 50 Euro und kauft sich seinen Lesestoff. Wenn dieser der Meinung ist, lieber einen anderen Stoff zu kaufen, sei’s drum, ein gutes Zeichen, um den Bibliotheken den Etat zu kürzen, der anscheinend keine andere Bestimmung hat.   

Es ist unbegreiflich, dass ausgerechnet ein Vorsitzender einer Partei, die Politik für die wenig Privilegierten dieses Gemeinwesen machen will, nicht sieht, dass zu dieser unserer Zeit die größte Dekommunisierung der letzten Jahrzehnte stattgefunden hat. Menschen wurden ihre Kommune genommen, sie verloren, Nachbarn, Freunde und sehr oft ihre Familien., Es waren nicht nur die Alten, die alleine starben, was geschah mit den Einsamen, Wir wissen doch alle um die Familie, wie oft ist sie kein Hort, sondern Ort des Leidens, besonders, wenn sie so stark noch unter Druck gerät wie es jetzt der Fall ist.

Die Zerstörung der Kommunen und der Familien braucht ein neues Denken und neue Strategien, Da es ist mit den Planungen zum Erwerb von Masken nicht getan. Kommunen brauchen Orte und Plätze, wo Menschen sich ohne Frucht und auch ohne finanzielle Ansprüche treffen können, Sie brauchen Lern-  und Spielorte, Orte der Begegnung zum gemeinsamen Tun und zum Austausch. Sie brauchen neutrale Orte, Orte mit einem unaufdringlichen Angebot. Sie brauchen

Bibliotheken und sie brauchen Bibliothekare. Menschen, die ihnen zuhören, Menschen, die sie mit anderen Menschen zusammenbringen. Sie brauchen Partner zum Tun, zu einem guten Leben, für einen Rat, der nicht von Ökonomie bestimmt ist. Sie brauchen Mitmenschen, sie brauchen eine Kommune.

Menschen haben während dieser Zeit verlernt, miteinander zu reden. Kommunikation muss wieder gelernt werden und das ist wichtig, wenn wir nicht nationalen Rattenfängern in die Hände fallen wollen, die uns wohlmöglich ein nationales Heilbild vor Augen halten. Sie brauchen Bibliothekare, die sie nicht nur beraten, sondern ihnen zuhören. Sie brauchen Gespräche und Begegnungen.

Wie Christer Hermansson schildert Ich bin ein Bibliothekar. ISBN 978-3-945610-60-2   

Ich bin ein Bibliothekar (simon-bw.de)

Menschen brauchen Bibliothekare, ein solcher aus Schweden zeigt ihnen, wie gerne er Menschen dienen will.   

Gendern – gleiche Rechte?

Feministische Sprachkritik und soziale Demontage – die Gleichstellung von Frauen im Öffentlichen Raum? schreibt DIE ZEIT am 11.2.20:48

Der Genderfaktor: Macht oder neuer Dialog? (simon-bw.de)

Genderstern, Unterstrich oder Binnen_I, queer oder nicht queer. In einer kurzen Geschichte der feministischen Sprachkritik rollt Luise Pusch die Zeiten auf, in der der Gebrauch des Fräuleins auf Frauen ohne Ehering eine öffentliche Herabsetzung war. Frauen waren im öffentlichen Raum, den sie – so offensichtlich nach den beiden Weltkriegen– sich arbeitend und kämpfend erobert hatten gegenüber der staatlich anerkannten Ehefrau diskriminiert. Diese Sprachwissenschaftlerin Mitbegründerin der feministischen Sprachkritik zeigt den langen und steinigen Weg, den Sprache im öffentlichen Raum gehen musste. Dieser Weg wurde von Katrin Aleksander u.a. fortgesetzt. Frau Aleksander und ihre Mitstreiterinnen verfolgten diesen feministischen Ansatz bei der Durchforstung der Kataloge in den Bibliotheken und verorteten die Diskriminierung dort, die heute noch nicht ausgemerzt ist. Der Genderfaktor, Macht oder neuer Dialog. Mit Genderblick auf Bibliotheken oder Bibliotheken im Genderblick ISBN 978-3-940862-20-4 wies auch im Bereich der Bibliotheken Diskriminierung bei der Rekrutierung von Männern nach, wenn es Chancen bei der Ausbildung und Anstellung ging. Es geht um die Bildung von einseitiger Macht.  Vor nun fast 10 Jahren begannen Bibliotheken, die nicht ohne Grund sich den Ruf konservativer Managementstrukturen erworben hatten, Fort- und Weiterbildung der weiblichen Belegschaft anzubieten, damit diese sich in dem immer noch sehr strikten Reglement des Öffentlichen Dienstes auf höhere Positionen bewerben konnten.Man vergisst, das die Struktur der Besoldung und Beschäftigung in den Bibliotheken bis in die siebziger Jahre sich nach dem Bild richtete: der Bibliothekar, also das arbeitenden Fachpersonal war weiblich, die Direktion männlich. Die einzige weibliche Direktorin einer Universitätsbibliothek Anfang der siebziger Jahre in der Bundesrepublik war die Direktorin von Ulm, die als erste elektronische Beratung ihrer Kunden durchführte, wie Walter Umstätter in seinem autobiographischen Bericht, zwischen Informationsflut und Wissenswachstum berichtet. ISBN 978-3-940862-13-6.

Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum: (simon-bw.de)

Wie schon die Leitung des Instituts für Sozialforschung in Berlin wiederholt nachwies, drohen diese ersten Fortschritte verloren zu gehen, trotz Metoo Debatte und Gendersprache mit Stern und dies in zweifacher Hinsicht.  Das Geschäft mit der Demütigung nennt in Kultur der Tagesspiegel vom 14.2.die unselige Allianz der sozialen Medien mit dem Boulevard bei der öffentlichen Demontage von Frauen.

Trennungs-Schlammschlacht werden die Trennungen von Personen betitelt, die im öffentlichen Rampenlicht stehen und nur zu oft den Frauen eine Schuld an der Kritik einer Person zuweisen, die über eine große Fangemeinde (Fußball) verfügt. Noch gravierender und mit noch unberechenbaren Folgen ist die Aufbürdung großer Lasten an Frauen und Mütter, die von einem Tag zum anderen die Hauptlast der Epidemie tragen. Sie mussten zum großen Teil auch noch das Lehramt für ihre Kinder übernehmen, obwohl die dafür nicht ausgebildet waren und sich bei ihrer Berufswahl für einen anderen Beruf, eben nicht Lehrerin entschieden hatten. Man muss sich vor Augen halten, dass dies der einzige Beruf war, der Ende des 19.Jahrhunderts zur Verfügung stand, wenn z.B. kein ausreichendes Vermögen vorhanden war, um sich zu unterhalten, in vielen Romanen dieser Zeit ein geläufiges Thema.- Nun wieder eine vergleichbare Situation. Nicht der eigene Lebensentwurf stand zu Debatte, sondern die Rolle in der Familie. Den Frauen wurde die Weiterverfolgung einer Karriere verwehrt und zum großen Teil eine Doppelbelastung aufgezwungen, die jetzt auch noch viel länger dauert als sie sich je vorgestellt hatten. Die Folgen dieser Entscheidungen können heute noch nicht beurteilt werden, aber sie machen deutlich, dass die Gleichberechtigung nicht nur neu definiert, sondern auch mit neuem oder vielleicht altem Leben gefüllt werden muss. Zu deutlich war die Zuordnung der Frauen ohne Widerspruch auf die traditionellen Aufgaben und eine Ordnung, die jede Reformen, angefangen von der weiblichen Vertretung im Dax Konzernen bis zu einer Präsenz von Frauen im Bundestag die ihrem Vertretung im Land entspricht, wie billige Kosmetik aussehen lässt.

Alle Erfolge in der Teilhabe von Frauen am Öffentlichen Leben und ihre Rollen im Beruf und Politik sehen angesichts dieser Lage lediglich wie Versuche aus, diese Lage zu übertünchen und werden eventuell bisweilen auch so gewertet. Sie dürfen aber nicht den Verlust verdecken, den Frauen in dieser Zeit einstecken müssen. Alle Fortschritte in der Emanzipation wurden in einem Handstreich zur Makulatur

Russland und die Demokratie

Der Garten der zerbrochenen Statuen (simon-bw.de)

Als der absolut herrschende Zar, Revolutionäre und Kritiker seiner Macht in die Verbannung schickte, wurden die Verurteilten sehr oft von ihren Frauen begleitet, ein Topos vieler russischer Geschichten. Die grausamen Behandlungen einer absolut herrschenden Exekutive kennen alle, die sich mit der so reichen russischen Literatur beschäftigte haben. Die Stalinzeit brachte keinen Bruch dieser Tradition und erschütterte das westliche Publikum mit Geschichten aus Arbeitslagern und vergeblichen Kämpfen einer sich aufopfernden Opposition.

Zu diesem westlichen Publikum gehörten auch die USA. Dies war nicht nur der Widerpart, fasziniert von den technischen Fortschritten dieses Landes. Es wurde sich   mit dem sogenannten Sputnick Schock bewusst, dass dieses kommunistische unfreiheitliche Land sich an die Spitze des technischen Fortschritts gesetzt hatte. Wie sehr Russland einerseits vom Fluss der Informationen abgeschnitten war, andererseits aber durch geheime oder auch nicht so geheime (wie die Akademie der Wissenschaften dies möglich machte) Beziehungen verstand, diese Informationen zu erhalten, ist in seinem ganzen Umfang nicht untersucht worden, weil der offizielle Zugang auch streng nach den damaligen Vorschriftgen geregelt war. So unterhielt die Bibliothek der university of Urbana,Ill USA  einen blühenden Tauschhandel mit russischen Bibliotheken. Dieser Tauschhandel wurde von vielen Staaten des sogenannten Ostblocks und ihren Bibliotheken intensiv genutzt, die so einen Zugang zu der westlichen Literatur erhielten.  Dabei spielte der Buchmarkt keine Rolle, d.h. es wurde nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunktgen getauscht, sondern der Tausch verschaffte diesen vom Informationsfluss abgeschnittenen Bibliotheken, Zugang zur Literatur, der ihnen sonst vorenthalten wurde.

Wissenszentren – intellektualnyje centry (simon-bw.de)

In der Arbeit zu ihrer Dissertation begegnete Marianna Tax Choldin dem Phänomen der russischen Literatur, dem Zensor, auch aus der Geschichte Russlands, der sichtbar und gar nicht geheim, seine Spuren in die Bestände russischer Bibliotheken, aber eben auch der amerikanischen Bibliothek gelegt hatte. Diese Begegnungen mit dem Zensor werden so lebhaft beschrieben (und wahrscheinlich empfunden) dass man meint, ihm persönlich im Magazin der Bibliothek zu begegnen. Marianna Tax Choldin: Der Garten der zerbrochenen Statuen ISBN  978-3-945610-40-4

Zensur wurde damit zu dem beherrschenden Thema, dass die Autorin zusammen mit der damaligen Direktorin der Bibliothek für Ausländische Literatur, Moskau Ekatarina Genieva in workshops und Ausstellungen im gesamten Russland weiterverfolgte. Dabei kam es zu erschütternden Begegnungen, aber es wurde ein Anfang gesetzt für die Mündigkeit seiner Bürger, für den Zugang zu Literatur und Informationen ohne Eingriff des Staates. Die Bibliothek begann eine internationale Öffnung – man könnte fast sagen gemäß ihrer Tradition, denn sie galt als Zufluchtsort einer in Ungnade gefallenen Intelligenz. Ein reiches Programm der Aufklärung und Information – auch mit Mitteln der Soros Stiftung-machte diesen Lernort weit über die Landesgrenzen bekannt, so dass die staatliche Administration der letzten Jahre begann, Hürden aufzubauen, gegen die sich die Direktorin zur Wehr setzte, wie die Zeitschrift Password berichtete, in dem die Direktorin immer wieder auf den Staat hinwies, der diese Regeln nicht angeordnet hätte.

Wir wissen nicht, wie es der Bibliothek zur Zeit geht. Wir werden Fachbücher unserer Webseite veröffentlichen, weil uns keine neuen Informationen vorliegen, wie z.B. in Wissenszentren des leider viel zu früh verstorbenen Wolfgang Ratzek ISBN 978-3-940862-04-4. vor einigen Jahren. Den so bewunderten demokratischen Aufbruch müssen wir nach dem Giftmord und der Zerschlagung der Demonstrationen in Russlands Städten als tot betrachten. Aber man sollte Überlegungen anstellen, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln man Zugang zur russischen Bevölkerung finden kann. Schließlich begann der erste Kontakt, der dann zu weiteren positiven Ergebnissen führte über einen hochoffiziellen Kulturaustausch von Bibliothekaren. Das bringt kein Geld und keine weiteren Abkommen. Aber er ermöglicht Begegnungen. Diese sind so wichtig, gerade auch mit Russen, die, es hat uns seinerzeit sehr erstaunt, den deutschen Kollegen mit Herzlichkeit und Menschlichkeit jederzeit und überall entgegengekommen sind. Man mag es vergessen und evt. auch nicht wahrhaben wollen, Der Rahmen der EU kann das nicht leisten. Immer wieder erleben wir, dass selbst gut gemeinte Bürokratie, man denke nur an das gegenwärtige   Impfen zu organisatorischem Versagen und Betrug führen, beides tödliche Feinde der Demokratie. Wir sollten nicht aufgeben, unserem östlichen Nachbarn auf der fachlichen und menschlichen Ebene zu begegnen. Rußland gehört zu Europa, wir sollten die Grenzen nicht schließen.