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Unternehmerfrauen im Mittelstand

Missmutig geht man durch die mit Plakaten zur Europawahl gepflasterten Straßen von Berlin, ein Zeichen dafür, wie wenig Intelligenz die Politiker und Parteien den Bürgern zutrauen, angesichts von gleichbleibenden Sprüchen, die auch keinen Raum mehr für irgendwelche inhaltliche Prüfung bieten.

Dieser Missmut verging bei der Tagung für Unternehmerfrauen im Mittelstand am 10. und 11. Mai im Paul-Löbe-Haus. Das lag nicht nur an Frau Marie Luise Dött, die mit Herzlichkeit und Humor jede dieser Tagungen fast zu einer Art Familienfeier macht, sondern an der bewundernswerten Mischung aus Wissensvermittlung, Information  und lebhafter Diskussion, die jeden ansprach und einbezog.

Nur wenige der Anwesenden kannten das Amt der Patientenbeauftragten mit einem Netzwerk aus Angeboten und Zugang für jeden auf dem Hintergrund von Transparenz und Qualität. Informationen auf Register können bei der ersten Definition von evt. Beschwerden sehr hilfreich sein. Ein gutes und wichtiges Angebot für jeden Bürger, das bestimmt von allen Anwesenden verbreitet wird. Besser informiert als Bürger, aber auch als Unternehmerin involviert waren alle Anwesenden über die Grundsteuer und die anstehenden Steuerreformen. Dabei überwogen auch neben den politischen und ökonomischen Implikationen (In Deutschland wird mit 30 % die höchste Grundsteuer in Europa erhoben) für Investitionen und Wirtschaft die evt. neuen Belastungen und die überbordende Bürokratie, die mitunter absurde Formen annimmt, wie von den Teilnehmerinnen zu hören war. Das Referat des MdB Kai Whittacker: Klar, verbindlich, nachhaltig führte nahtlos zu dem Abschluss von Frau Dött: Wirtschaftlich und soziale verantwortungsvolle Klimapolitik statt Klimakrise.

Erst in Hessen ist die Nachhaltigkeit gesetzlich festgeschrieben. Diese hat bei der Diskussion um Technik und Umwelt erste Priorität. Eine Umstellung auf Erneuerbare Energie wir daher viel mehr Gebiete erfassen, als wir uns heute bewusst machen, Flächen, Transporte und Leitungen. Dies wird alle angehen und nicht nur die Hersteller sondern auch die Verbraucher.

Die Politische Kommunikation in Zeiten von Fake News, wie auch die Übernahme von Öffentlichkeit – Cyberkrieg gegen KMUs? waren durch die Berichterstattung des Bundestages vom 22.2. Verantwortungsvoller Umgang mit künstlicher Intelligenz eingeleitet. Es war fast tröstlich, sich vor Augen zu halten, dass die Bundespressekonferenz in Deutschland von Journalisten organisiert wird und es daher nicht zu administrativen Monologen kommen kann wie in anderen Ländern. Durch die neuen technischen Mitteln ist der Politik die Deutungshoheit im öffentlichen Raum verloren gegangen und muss mit neuen Mitteln wieder gewonnen werden. Verleumdungskampagnen und Erpressung sind neue Phänomena, die es auch früher gegeben hat, aber die durch die Netze eine viel größere Verbreitung finden. Daher wird ein Social Media  Monitoring gefordert. Dabei sollte die Möglichkeiten des Auswärtigen Amtes, das Falschinformationen im Ausland meldet, viel mehr verbreitet werden. Social Media ersetzen nicht soziale Kontakte, wie es dieses Treffen auch wieder deutlich machte. Gegenseitigkeiten können dann auch viel besser ausgehalten werden, wie es auch auf demokratische Länder zutrifft.

Wie bei den Bedrohungen, dem Gebrauch des Internet allgemein und zur erfolgreichen Erkenntnis von Falsch- und Fehlinformationen die information literacy oder wie heute gesagt wird die digital literacy die grundlegende Voraussetzung. Dass diese Forderung an vorderster Front der Bildung stehen soll, war auch bei den Teilnehmern Konsens. Der gerade geschlossene Digital Pakt bietet dafür beste Voraussetzungen, wenn es nicht nur bei der kostenlosen Ausstattung mit Tablets bleibt. Die Erfahrung mit Lernmaschinen in der Vergangenheit sollte Warnung genug dagegen sein.

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Die Alten wollen nicht sterben…

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(c) Jana Sabeth Schultz, Unsplash

In dem Montagsgespräch von Plassberg hart aber fair war sie wieder, jene Inhumanität, die sich abseits jeder Parteizugehörigkeit auch gerne unter der Aufzählung der Wohltaten und Beiträge ums Gemeinwohl versteckt. Befragt nach den Gründen für unbezahlbare Wohnungen und unaufhaltsam steigende Mieten, nannte Christoph Gröner als Gründe: „Die Alten wollen nicht sterben“, für kinderreiche Familien (das ist nicht neu, schon 1974 war es für eine Familie mit einem Kind schwierig, eine Wohnung in Berlin zu finden) und Ausländern ist die die Suche nach einer Wohnung in der Innenstadt von Berlin fast aussichtslos.

Hier mag Gröner die Gründe für die Wohnungsnot in Berlin aufzählen und hat sie im Laufe der Sendung auch mit einem Appell an die Politik zur Behebung dieses Notstandes verifiziert. Aber man glaubt ihm nicht, denn wenn im Berliner Tagesspiegel – wie auch in anderen Medien – gezielt darauf hingewiesen wird, dass nur 10% in Deutschland prächtig verdienen, dann mag man immer an den ehemaligen Präsidenten der USA Reagan denken, der auch immer der Überzeugung war, mache die Reichen reicher, dann wird es prickle down, was nachgewiesener Maßen nicht geschehen ist. Aber in Deutschland wird heute gut verdient und zwar mit Immobilien, wovon die vielen Anbieter und Angebote zeugen. Deshalb wurde man den Eindruck nicht los, dass Gröner die Hindernisse, die dem im Wege stehen (könnten), ausräumen will.

Dass gerade Alte sich besonders beleidigt fühlen, wird eigentlich durch den Ausspruch nicht gerechtfertigt, denn kein Mensch kann seinen Tod bestimmen, also spielt der Wille hier keine eine große Rolle (wenigstens in den meisten Fällen nicht). Aber es ist eine Generation gemeint, die nach einer schrecklichen Kindheit (siehe Rosmarie Grabitz: Briefe aus einer schweren Zeit) das sogenannte Wirtschaftswundere geschaffen hat, das auch nicht einer geheimnisvollen Quelle entsprang, sondern Arbeit bedeutete, verbunden mit vielen Sorgen und Entbehrungen, Spaß und Vergnügen standen nicht an erster Stelle.

Herr Gröner pries sein Projekt an:  jedem sein Wohnungseigentum, ohne die Rechnung aufzumachen, dass das notwendige Kapital nicht jedem gegeben ist. Wieviel elterliches Kapital ist in die Erwerbung einer Wohnung/eines Hauses für die Kinder  geflossen, wieviel junge Familien verschulden sich über Jahre, mittlerweile sogar um ihre Zukunft und um die Wohnungslosigkeit von Ausländern in Berlin zu sehen, muss man nur die Gegend um den Berliner Bahnhof Zoo besichtigen .

Zukunft der InformationswissenschaftNein, hilflos sind die Alten nicht, sie meistern ihren Alltag mit Hilfsmittel und einer nie ermüdenden Neugier. Man lese nur die Zukunft der Informationswissenschaft, dessen kluger Herausgeber, Willi Bredemeier ebenso wie manche seiner Autoren die offizielle Pensionsgrenze überschritten hat. Und die Mütter der kinderreichen Familien, sie kämpfen jeden Tag einen nie endenden Kampf für Versorgung und Entwicklung ihrer Kinder, die kein noch so gut geplantes Bildungssystem aushobeln kann. Aber sie sind keine Mitspieler am Immobilienmarkt. Sie stören, wie es aus dem Eingangsstatement von Gröner anklang.

Wir sollten nicht wieder Menschen aussortieren, das hat Deutschland gemacht und bezahlt heute noch dafür.  Wir sollten den Anfängen wehren.

Zwischen One Stop Shop und LibMatch

Zwischen One Stop Shop und LibMatch

Digitalität – Wie Bibliotheken aktiv gestalten können.

Zu diesem Workshop  in Hamburg hatte die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz Informationszentrum Wirtschaft, Hamburg  am 9.4.2019 eingeladen. Obwohl im Programm nicht aufgeführt, wurde der Workshop mit OCLC gemeinsam organisiert.

Es ging um die Sichtbarkeit der Bibliotheken, die im zunehmend digitalen Raum immer mehr abnimmt und damit aus dem Gesichtskreis ihrer Kunden/Nutzer und der allgemeinen Öffentlichkeit verschwindet. Was können Bibliotheken dagegen tun?

Bibliothekare wissen, was ihre Kunden/Nutzer wollen: einen einfachen Zugang (auch elektronisch) zu allen Informationen und keinen  Zugang zu Systemen, der sie zu Abteilungen und Links weiterleitet. Sie wollen einen One Stop Shop. Sie wünschen einen persönlichen Ansprechpartner – nicht gerade zu einem Match – aber als Ansprechpartner für alle Fragen. Auch dies ist nicht neu. Walter Umstätter: Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum. Bibliotheken als Bildungs- und Machtfaktoren der modernen Gesellschaft – wies schon vor Jahren auf diese Grundbedingung bei der Einführung elektronischer Dienste hin.

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ISBN 978-3-940862-13-6

Mit einer Printkampgne im analogen Raum auf digitale Dienstleistungen verweisen – erreichte die  Gruppe von der Universität Zürich, Institut für Volkswirtschaft, ein lebhaftes Echo der Zuhörerschaft und dem Wunsch der anwesenden Bibliothekare nach Anregung und Ideen, obwohl auch eine Institutsbibliothek, wie hier vorgestellt, eine stärkere Außenwirkung anstreben sollte, damit die witzigen und ansprechenden Sticker nicht nur in der eigenen Küche zu sehen sind. (Marik Kieser und Elisabeth Gasser, Universität Zürich, Bibliothek, Rämistr. 71, Ch- 8006 Zürich) Man hätte gerne gewusst, wie weit die Bibliothek an dem von Stefan Holländer beschriebenen ehrgeizigen Pläne in der Schweiz an der Umsetzung dieser Pläne beteiligt ist (St. Büttner: Stefan Holländer, Basel: Die Schweizer Bibliotheken und die digitale Transformation, Berlin 2019).

Jetzt lernst du mich richtig kennen – Nutzerbefragung mal anderes mit dem User Experience-Baukasten der ZBW oder Open Access für Jedermann und Jedefrau – alles drehte sich um die Frage, welche Räume, welche Kanale, welche Zeiten sich für diese Nutzerwerbung am besten eignen: Ein fester Termin o.ä. gleich bei der Einschreibung der Studenten oder Wissenschaftler. Die Aufbereitung der Informationen, personalisiert, nach Fachbereichen oder Themen sollte den Bedürfnissen der Nutzer entsprechen und Handlungsempfehlungen bieten.  Wieder begegnete uns die Empfehlung aus dem alten, vom British Council herausgegebenen Video I want to join the library 100 mal belacht und in Seminaren in Mittel und Osteuropa eingesetzt,  nach einem persönlichen direkten Informationsdienst. Die gleichen Forderungen wurden von der Direktorin der HÖB auf dem diesjährigen Bibliotheks-Kongress in Leipzig aufgestellt mit Vorwürfen an die gegenwärtige Ausbildung, wofür sie einige Vorwürfe einstecken musste. Großes Lob erhielt ein weiterer  Projektvorschlag zur Publikationsunterstützung für Examinanten u.a. durch die Bibliothek, eine Mammutaufgabe, angesichts schwacher Lese- und Recherchekompentenz vieler Studenten. Da kann es sein, dass nur ein Match diese Lücke auffüllen kann, was der ehemalige Kanzler Schröder wusste, der in erster Ehe mit  einer Bibliothekarin verheiratet war.

Erschreckend und leider ohne Einsicht in die Konsequenzen verlief die Debatte um die elektronischen Lesesäle. Die Ausführungen von Herrn Rasche halfen aber zu dem Verständnis von Fregal, einem Musikstreamingdienst, bekannt gemacht auf dem Bibliothekskongress 2019 in Leipzig,  der nur über Bibliotheken angeboten wird und dessen Ressourcen aus  Kalifornien, USA stammen.  Für unsere Begriffe, eine Verletzung des Urheberrechtes, heute aber nun nicht mehr. Innovationen dienen der Erfüllung rechtlicher Anforderungen, sagte Rolf Rasche. Daher ist der elektronische Lesesaal kein ortsunabhängiger Lesesaal, sondern öffentlich zugänglich in der Bibliothek, indem 10% eines Digitalisats, bei Zeitschriften auch der gesamte Artikel zur Verfügung stehen. Wieweit diese Informationen mit den Gesamtnachweisen verknüpft werden können, konnte nicht abschließend geklärt werden. Könnte es sein, dass ein kluger Amazon Nachfolger versteht, diese Informationen zu erhalten, zu speichern und sie als download  anzubieten. Eigentlich braucht Deutschland /Europa dann keine Wissenschaft mehr zu fördern – es blieb die Aufgabe als  Wasserträger? Dieses würden die hier versammelten Bibliothekare ablehnen. Trotz der immer noch bestehenden heißen Diskussion um Eingruppierungen und Verantwortlichkeiten während der  Mittagspause, sind sie immer noch für ihre Arbeit hochmotiviert, wie der lebhafte Zuspruch zu diesem Workshop zeigte. Schade, wenn sie verschwänden. Eine tote Bibliothek, nur ein Wissensspeicher? Das wollen die Nutzer nicht. Das wissen die Bibliothekare und das ist  ihre Stärke.

Nie war sie so wertvoll wie heute

Nie war sie so wertvoll wie heute

sagt Sigmar Gabriel unter der Rubrik  Meinung im Berliner Tagesspiegel und fährt fort: Die Nato wird 70 – und ist mehr denn je Garant für ein starkes Europa, in dem Deutschlands Wankelmut zum Problem wird, und fährt fort, nirgendwo innerhalb der Nato ist die Kluft größer als in Deutschland zwischen dem militärisch Notwendigem und dem gesellschaftlich Akzeptierten. Das zeigt auch die neue Erhebung unter Ostdeutschen, die sich ähnlich ausgegrenzt führen wie Muslime. Deutschland hat nach dem Fall der Mauer nicht verstanden, Freunde in dem neuen Teil Deutschlands zu gewinnen. Die Leidensgeschichten der von der DDR Diktatur betroffenen Menschen standen im Mittelpunkt der Geschichten, wie die Publikationen des Anthea Verlages zeigen.

umschlag_polnisch_blut_frontcoverAuch die Staaten Mittel- und Osteuropas verschwanden zunehmend aus dem Gesichtskreis, obwohl die Büchermesse in Leipzig ihnen eine Plattform zur Ausstellung der Bücher und für Lesungen bot. Aus dem Kulturkalender Berlins verschwunden machten sie einer internationalen Szene  Platz bei Lesungen, Filmen oder Musik. Sehr oft sind uns diese Länder fremd wie z.B. Iran, die zu besuchen nur einer Handvoll Menschen möglich war. Aber  kulturelles Umfeld bleibt fremd, wenn es nur eine einmalige Gelegenheit bleibt und keine langfristige Begegnung  oder Kooperation folgt…

Heute noch ist Polen, Ressentiments, wahre und unwahre Geschichten, Themen vieler Gespräche. Wer weiß, dass diese Zuordnungen, schon den Grundton des spannenden Gesellschaftsromans Ende des 19. Jahrhunderts Polnisch Blut  von N. von Eschstruth bildeten? Das Vorwort des Buches zeigt, dass einige Ressentiments über die Jahrhunderte erhalten blieben und nur eine Zusammenarbeit unter dem europäischen Dach diese vielleicht auslöschen kann. Auch der deutsche, lass uns sagen Hochmuth, spielt bei der für einen Fachverlag kollegialen Zusammenarbeit eine Rolle. Eine der besten Einführungen in die juristischen Fallstricke des e-books war die Publikation der beiden Professorinnen aus Zagreb, Zwischen Öffentlich und Privat. Bibliotheken in  der Zeit des e-books, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat, im Gegenteil eher in Zeit von i.K gewonnen. Für lange Zeit Beobachter in Brüssel waren sie besser orientiert als viele Kollegen hierzulande. Oder die Zusammenarbeit zwischen Russland und den USA, die zu einer umfassenden Dokumentation und Konferenzen im großen Land Russlands über Zensur führte. Man muss fürchten, dass die Ideen und die Überzeugung der beiden Protagonisten heute der Vergangenheit angehören. Aber das Buch: Marianna  Tax Choldin: Der Garten der zerbrochenen Statuen ist ein wunderbarer Bericht, wie internationale Zusammenarbeit funktioniert, die viele Emigranten in die USA brachte, Kenntnisse über Russland in die USA transportierte und die Wurzeln zu einer engen Kooperation legte. Nicht von ungefähr äußern sich viele Menschen über die Vereinigten Staaten negativ, hoffen aber alle, für eine Zeit, ein Stipendium oder Arbeitsaufenthalt in die USA  zu gehen. Die Nato ist und war ein Zusammenschluss gegen den Krieg, jetzt brauchen wir internationale Zusammen-arbeit für den Frieden.

Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Zum Bibliothekartag und Büchermesse 2019 in Leipzig

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(c) Ley

Es ist ziemlich sicher, dass keiner der Besucher und aktiven Teilnehmer des Bibliothekartages 2019 in Leipzig und auf der anschließenden Büchermesse in Leipzig große Freude an diesem Spruch gehabt hätte, der das Hamburger Rathaus schmückt. Kongress und Messe widmeten sich der Zukunft, der so schillernden wissend und unwissend zitierten Digitalisierung mit den diversen Wortneuschöpfungen und einem Ausblick der verschiedensten Darstellungen, die im Vergleich zu früheren Zeiten oft mit dem Ausspruch endeten, man wisse sowieso nicht, welche Folgen zu erwarten wären.

Obwohl Buchmarkt und Bibliothek in ihrer Zielsetzung sehr verschieden sind — man war der Kulturstaatsministerin Grütters sehr dankbar, dass sie in ihrer Rede zur Eröffnung der Buchmesse von dem Buch als Kulturträger und ökonomischen Gut unterschied, (haben doch kleine Verlage sehr oft die Erfahrung gemacht, dass eine solche Unterscheidung beim lokalen Finanzamt Hohnlachen hervorruft) so ähnelten sich Probleme, Debatten und Lesungen auf diesen beiden Tagungen in frappierender Weise.

Sowohl beim Thema Herausforderungen bewältigen, wie auch lesen leider ungenügend stand nicht das Buch, sondern das Lesen im Vordergrund: die Bibliothek als sozialer Raum, der mehr Impulse für interkommunale Zusammenarbeit bieten soll, wie auch nach Dr. Nelle ein Sensorium für die Anpassung an die Notwendigkeit der Veränderung ausbilden soll, muss proaktive diese Aufgaben in Angriff nehmen. Dazu gehören kollaboratives Arbeiten, Aufgabendifferenzierung, die zum Paradigmawechsel befähigen und in performativen Clustern Aspekte der Bibliotheksarbeit darstellen, die nur wenig  mit der traditionellen Bibliotheksarbeit identifiziert werden können.

Lesen leider ungenügend könnte und sollte zu einer neuen Zusammenarbeit zwischen Schule und Bibliothek führen. Dies wurde dadurch unterstrichen, dass nach der Debatte um Fehl-, Falsch-und Desinformation geführt von Prof. Büttner und Stefan Hauff-Hartig auf der Messe Lehrer den Stand von Simon BW belagerten,  weil sie von der Bibliothek Hilfe erwarten in dieser kritischen Situation, in der nach der IGLU Studie 2018  20% aller 15-jährigen nicht lesen können. Diese grundlegende Kulturkompetenz wird von knapp einem Viertel der Menschen nicht erworben. Dieses schränkt nicht nur den Gebrauch des Internets ein, sondern befähigt nicht, fake News zu erkennen und im Umfeld richtig einzuschätzen.

Diese mangelnde Lesekompetenz schränkt nicht nur die  kommunikative Kompetenz ein und damit die politische und gesellschaftliche Entwicklung jedes Individuums,  sondern auch die demokratische Struktur Deutschlands. Die Bibliotheken bieten nicht nur Fortbildung zur Leseförderung an, sondern auch zunehmend den Erlebnisort Bibliothek mit mehrmoduligen Kinderbuchclustern  u.ä. Dazu gehört, dass die performative Arbeit in den Bibliotheken entwickelt werden muss. Die Direktorin der Hamburger Öffentliche Bücherhallen betonte die Notwendigkeit zur Ausbildung  dieses neuen Bibliothekars auch mit einem kritischen Blick auf den Bologna Prozess, der zugunsten anderer Wertungen die Ausbildung zur kommunikativen Kompetenz vernachlässigt hat. Ihr Statement zur bevorzugten Einstellung von Hotelpersonal verglichen mit ausgebildeten Bibliothekspersonal wurde — verständlicherweise gerade von den jungen Kollegen — negativ bewertet. Es mag dabei weder ihr, noch ihren Zuhörern bewusst gewesen sein, dass ausgerechnet im fernen türkischen Zypern in Famagusta Ende des 90er Jahre, in  der Zentralbibliothek der internationalen Universität  dort die damalige Direktorin das Personal ihrer Bibliothek aus den umliegenden Hotels rektrutierte und damit einen Eingangs- und Servicebereich den Nutzern anbot, der in seiner freundliche fröhlichen Atmosphäre heute noch allen in Erinnerung ist, die diese Bibliothek je besucht und genutzt haben. Sie schuf damit ein Image der Bibliothek, dass zu der Wertschätzung der Universität entscheidend beitrug.

Die Transformation der Bibliothek wird von den Bibliothekaren gesehen und die Notwendigkeit nicht geleugnet. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass diejenigen, die heute Pensionäre sind, noch die Untiefen der Preußischen Instruktionen kennen gelernt haben. Sie sind auch mit einem geregelten Bibliotheksablauf aufgewachsen, der im krassen Gegensatz zu den heutigen Forderungen steht. In diesem Zusammenhang muss auch der Verdienst von Walter Hofmann, die in den Kongress News N. 3 vom 20.3. erwähnt, kritisch gesehen werden. Der  Simon –BW- Verlag wird dazu noch in diesem Jahr ein Buch herausgeben.

Als die Kinder der ersten Gastarbeitergeneration Ende der 60er Jahre die Hamburger öffentliche Bücherhallen und auch die älteste Bücherhalle in Kohlhöfen bevölkerten, standen wir diesem Ansturm hilflos entgegen. Mit Zeitschriften (Die Sesamstrasse) und privatem Import türkischer Bücher  durch den Musikethnologen Kurt Reimhardt und seiner Frau wandelte sich die Bibliothek zu einem Lieblingsort der Kinder der Gastarbeiter. Es war aber unmöglich, den Vater oder Mutter zur Registrierung in die Bibliothek zu locken. Also nahmen wir Kontakt mit der nahe gelegenen Schule auf und stellten allen Kindern einen Ausweis aus, der der  Lehrerin zur Bewahrung ausgehändigt wurde. Dieses wahrhaft unbürokratische Handeln führte zu einer Anfrage  an  den Direktor während der damals in Hamburg kontinuierlich stattfindenden Mitarbeiterversammlungen. Schweigen des Direktors und dann die Antwort, Sie wissen, dass Sie damit die Regeln der HÖB verletzt haben – Schweigen – machen Sie weiter so!

Die Umwandlung zu einer Bibliothek  als geschätztes Zentrum der community wie von R. D. Lankes vorgestellt (siehe dazu: Die andere Bibliothek „Brief an eine Altbekannte“ www.kulurstiftung-bund.de/stadtbibliotheken)  wird – wie in anderen Städten auch in Hamburg – nicht immer ohne Störung und Probleme geschehen. In Hamburg haben sich um 1600 die ersten demokratischen Ordnungsvorstellungen in Ritualen manifestiert, wie Ruth Schilling in ihrer Dissertation darlegte. Wir hoffen, dass Hamburg sich dem Eingangsspruch verpflichtet fühlt und damit zum Anführer – nicht Leuchtturm – einer Bibliothek für die Kommune – groß oder klein – öffentlich oder akademisch – wird. Auch ältere  Bibliothekare würde  freuen, wenn ihr Traum, oft verspottet, in der Realität angekommen ist.