RSS-Feed

Kolonialismus – Das Fremde und wir

Nicht nur der französische Präsident, sondern auch die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit, die eine Rückgabe des kolonialen Erbes in den letzten Jahren öffentlich gefordert haben, haben eine breite politischee Zustimmung erfahren, so auch in Berlin durch den zur Zeit amtierenden Kultursenator. Dieses könnte man mit einem ironischen Kommentar begleiten, da es sich bei den in Berlin begehrten Stücken in erster Linie um die  Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Eigentümer handelt und nicht das Land Berlin. Provenienzforschung, dieses Teilgebiet der Kunstgeschichte hat daher auch durch die Diskussion um die Rückgabe der Kunstgegenstände der vom Faschismus vertriebenen Eigentümer eine neue Brisanz und Bekanntheit erfahren.

Es verstellt aber unseren Blick, wenn der Kolonialismus und die jetzt auch betriebene Forschung um die in ehemals geraubten Gegenständen nur unter dem jetzigen Blickwinkel der Rückgabe gesehen werden. Ein Diplomat aus einem afrikanischen Land, der Berlin besuchte, beklagte sich, dass weder Gegenstände noch Informationen über sein Land in Berlin ausreichend sichtbar wären und dies im Hinblick auf einen zukünftigen Tourismus. Nun sollen die in den Museen ausgestellten Gegenstände nicht nur den Tourismus fördern, sondern sie sollen eine Kommunikation mit dem Fremden ermöglichen, die sonst nicht möglich ist. Sie leben heute unter uns, aber wissen wir, woher sie kommen? Welche Kenntnis haben wir vom Fremden, der neben uns in der S-Bahn sitzt? In den meisten Fällen werden wir nicht einmal wissen, aus  welchem Land der Fremde kommt, aus Afrika, oder aus welchem Staat in Asien?

Kolonialismus war nicht immer Ausbeutung und die Kirche hat es vorgelebt. Zisterzienser haben den Osten besiedelt und Klöster dienen heute noch in der afrikanischen Wüste des Senegals den Menschen in ihrer Kommune.

spiecker-johannes_a7659c67a51be2bbf485de814bf8febe

Johannes Spiecker

Der Missionar Johannes Spiecker (1905-1907) hat mit Leidenschaft und Liebe den Menschen dort gedient. Mein Tagebuch. Erfahrungen eines deutschen Missionars in Deutsch Südwestafrika 1905-1907. Seine Bitten und Vorschläge zur Entwicklung des Landes sind heute unwidersprochen. Es fragt sich nur, wer nimmt heute diese Strapazen auf sich? Und wer wird noch wissen, welch begnadeter Musiker Dahab Khalil war, wenn der Sudan und damit das zerrissene Nubien nur noch Land für Krieg und Mord ist.  (Lesetipp: Artur Simon kisir und tanbura – Dahab Khalil, ein nubischer Sänger von Sai, im Gespräch mit Artur Simon aus Berlin.)

Aus einer verstaubten Vergangenheit und zurück geworfen auf eine reine Archivfunktion sind oder besser sollen Museen wieder zu Häuser des Wissens werden. Ihre neue Popularität und wunderbare neue Gebäude zeigen die Umsetzung dieser Idee. Bewegte Zeiten eine Ausstellung in Berlin des Museums für Vor- und Frühgeschichte machte deutlich, wie Bruchstücke der Vergangenheit zum Sprechen gebracht werden. Wieviel mehr könnten es Exponate sein, die auf den Nachbarn zeigen, der neben mir sitzt und steht und der mir gänzlich fremd ist?

Advertisements

Buch Berlin – BerlinBuch

Flyer-BuchBerlin2015.indd

Berlin baut eine Buchmesse. Es ist 5 Jahre her, als die Initiatorin der Buch Berlin Messe der Einladung zu einer Buchausstellung im schönen Usedom gefolgt war und wie wir und sich wohl auch missbraucht fühlte. Was erhofft ein Verleger, oder Buchhändler von einer solchen Gelegenheit zur Präsentation? Wie bei Messe anderer Produkte: Verkauf und Absatz. Aber dieses ist nicht die einzige Motivation, denn eine Messe und ihr Teilnehmer verkaufen nicht nur das einzelne Buch, das Produkt, sondern auch das Medium, er ist Botschafter des Buches und des Lesens.

Wie notwendig diese Botschaft ist, zeigt die Buchszene in Berlin. Jahre hindurch wurde diese ausgedünnt, jetzt scheint es so, als ob das Buchhandelssterben angehalten wurde. Bei den Musikalienhandlungen ist nicht mehr viel übrig, wer heute an den leeren Fenstern der Musikalienhandlung von Cantus  in der Uhland Strasse vorbeifährt überlegt mit leisem Schauern, ob und wann hier die nächste Pizzeria oder der nächste Dönerladen seine Zelte aufmachen wird.

Buch Berlin wendet sich an kleine und mittlere Verlage und junge Autoren und in diesem Jahr  mit einer Fortbildungsveranstaltung, am Freitag, den 23.11., gleichsam als Präambel zur Messe. Diese war sehr erfolgreich, nicht unbedingt mit der Vermittlung der einzelnen Themen aber mit der sich sofort einstellenden fröhlichen Gemeinsamkeit, die über die Messe hinweg trug und die gerade bei den vielen anwesenden Einzelkämpfern willkommen ist.

Einige der in dieser Fortbildung angebotenen Vorschläge waren schlicht gefährlich. Wenn 40% Rabatt für einen Buchhändler zur Bezahlung des Regalplatzes angemessen scheint, so kann man nur warnen, denn der Verleger landet dann wegen ausbleibendem Gewinn sofort auf der Liste des Finanzamtes zum Aussortieren wie es  bei der Veranstaltung der Linken im Bundestag  zur Lage der Verlage in diesen Sommer erschütternd deutlich wurde. Auch die Journalistin mit ihrer Warnung vor jeglichen Kontakt mit den Öffentlichen Medien zur Hilfe beim Vertrieb eines Buches war bestimmt sehr realistisch aber wenig hilfreich. Man hätte sich gerne einige alternative Tipps gewünscht. Allein Möglichkeiten, die Netzwerksbildung die BuchBerlin hier so freundlich und einladend begonnen hat, sollte weiter diskutiert und in Angriff genommen werden. Es sollte auch realistisch vermittelt werden, dass wie mache in ein Buch schön gestaltet im eigenen Regal landet, aber noch nicht im Verkauf.   

Dass zu wenig Kinder die Messe besuchten, wurde mit allerlei Gründen erklärt, von der herrschenden Erkältungswelle u.ä – es könnte aber auch der Mangel an Kindern in dieser Gegend sein, oder an Kindern, die lesen. Berlin wird, und das schon über Jahre, einer gnadenlosen Segregation unterworfen. Kieze verlieren Nachbarschaft. Alt- eingesessene Berliner ihre Heimat. Bücher und Lesewünsche wachsen immer auf einem kulturellen Untergrund von Neugier und Wissenslust. Der wird nicht gefördert, denn dazu gehört ein offenes Elternhaus und Bibliotheken.

Wir werden in diesem Jahr  nach Leipzig gehen und dort können wir keine Bücher verkaufen – oder der Verkauf ist mit einem solchen bürokratischen Aufwand verbunden, dem wir uns nicht unterziehen werden. Wir wollen aber auch BuchBerlin 2019 wieder besuchen. Was zieht uns nach Leipzig?

Es ist das Publikum, es sind die Gespräche, die vielen erfreulichen Mut machenden Kundenkontakte  – wir sind in keiner Buchhandlung im Regal vertreten. Deshalb ist uns jedes Gespräch so wichtig!

BuchBerlin soll wachsen, damit wir mehr davon erhalten und Berlin und Buch keine Gegensätze bleiben, sondern eine Gemeinschaft des Buches und des Lesens.

 

 

Moderne Zeiten – Wien modern

wien simon

(c) Bernd Thaller

Als vor einigen Tagen der RBB mit einer abendlichen Sendung Warum wir Wien lieben, seine wahrscheinlich zum größten Teil ältere Zuhörer erfreute, stellte sich die Stadt dar, die nie ihren Walzerton verlor. Es wurden neben den sattsam bekannten Monumenten, der geigende Strauss und das Schloss Schönbrunn, aber auch die Hundertwasserhäuser und jenes traditionelle Wäschegeschäft am Stadtpark gezeigt. Die sich formende Moderne in dieser Stadt, begonnen mit der einfach raffinierten U-Bahn und einer modernen Architektur, sollte wohl das romantisch stilvolle Bild der Donaumetropole nicht stören. Das war schade, denn Wien hat sich mit großen Schritten in die Moderne hineinbegeben und besonders mit der Musik, die immer schon den Rang dieser Stadt als Weltstadt der Musik begründet hat. Dabei schafft man mit Charme und Pragmatismus jenen oft tiefen Graben zwischen Globalität und Lokalität zu überbrücken, der sich oft, beispielsweise in Berlin, zwischen Bezirk und Senat so unheilvoll zwischen die Entwicklung einer lebendigen, die Menschen tragende Kulturszene stellt.

Neueste Musik nannte die INÖK, die Interessengemeinschaft Niederösterreichischen Komponisten und Komponistinnen schlicht ihr Konzert im schönen Roten Salon, der so gut zur Neuen Musik passt, erholsam nach den ewigen Fabriketagen, den häufigen Orten Neuer Musik. Ein wunderbares Gegen Konzert des Oaarwurm Konzertes des Max Brand Ensemble, das im Rahmen des Oaarwurm Festivals am 1.9. in Berlin stattgefunden hatte.

Ein Festival Neuer Musik in Wien von über 30 Tagen, das ist einmalig in Europa, wenn nicht in der Welt und so das  Motto: Kontrolle ist gut, Mut zum Risiko ist besser wie es die im schönsten Abendkleid über den Abgrund balancierende junge Frau verkörperte. Hunger auf Kultur und Kunst, nennt sich der Aufruf des Festivals zur Teilnahme und bietet genug Nahrung für jeden und dieses fast ohne Risiko einer Verstimmung bei einem so facettenreichen Programm, das sich nicht nur einem Format sondern der Modernität verpflichtet sieht.

Mit dem Österreichischen Komponistinnenwettbewerb und der Preisverleihung hat sich Wien Modern mitten in das Risiko begeben, eine Debatte, die zwischen me too und traditionellen Strukturen wie keine andere ein Zeichen dieser von Umbrüchen gezeichneten Zeit ist.  Noch vor einer Generation trug die Frau in Österreich wie in GB und in den USA nicht nur den Namen sondern auch den Titel des Mannes Frau Hofrätin, und Rednerin Maria Vassilakow erinnerte an die vielen Komponistinnen, die entweder nicht wahrgenommen wurden oder sogar den Namens ihres Mannes oder sogar des Bruders wie Fanny Mendelsohn nutzten, um einen Schritt in die Öffentlichkeit zu riskieren. Es waren ja nicht nur die Musikerinnen, sondern wenn wir es jetzt so nennen dürfen und sollen, die Ausbeutung der geistigen Kräfte trug viele Züge, von Marianne von Willemer (Goethe) bis zu Claudel, die durch ihre Liebe zu Rodin nicht nur ihre Seele, sondern auch den Verstand verlor.

Fremder Ort HeimatSo war dieses Vorhaben des Wettbewerbs vielleicht mit dem größten Risiko während des Festivals behaftete. Frauen waren sehr lange vom Musikbetrieb ausgeschlossen, nicht nur die Wiener Philharmoniker auch die Berliner wehrten sich bis weit in  unsere Tage gegen die Teilnahme von weiblichen Künstlerinnen in den jeweiligen Musikkorpus. Daher ist die Erwähnung und Teilnahme von Komponistinnen am Musikleben ein großer Schritt in die Moderne – mit allen Risiken. Denn die Teilnahme von Frauen mag auf die gleichen Kanten stoßen wie bei anderen Schritten in Gebiete, die ihnen früher verschlossen waren. Es fehlt an einer ernsten Auseinandersetzung und einer ziel- und personenbestimmten Kritik. Um es ganz platt auszudrücken, Dinge auch Kompositionen sind nicht gut, weil sie von Frauen sind. Sie, die Frauen sollten Kritik und Auseinandersetzung fordern, Zusammen- und Mitarbeit ihrer männlichen Kollegen. Wenn man liest, wie Manfred Reichert mit Hespos, besonders mit Ruhm und Cage gearbeitet hat, wenn ein Stück erarbeitet wurde, dann ahnt man, wie viel Mühe und Herzblut (bis zu Auseinandersetzungen) die Kompositionen von Neuer Musik erfordern (Manfred Reichert: Fremder Ort Heimat. Manfred Reichert und das Ensemble 13, Berlin 2018, ISBN 978-3-945610-41-1) Es ist nur zu wünschen, dass die preisgekrönten Komponistinnen wissen, dass dieser Weg vor ihnen liegt, denn ob weiblich oder männlich, dieser Weg in die Musik ist steinig und die Neue Musik bietet kein glattes Pflaster, da die Liebe zur Musik wegen der oft abwartenden, wenn nicht feindlichen Haltung des Publikums auch sehr unglückliche Züge aufweisen kann. Davon konnte an diesem Abend keine Rede sein. Die Frauen, eingeleitet von charmanten und attraktiven Rednerinnen hatten wieder eine Etappe gewonnen. Möge sie diese weiter zum Ziel führen, die Musik auszuüben, an ihr zu arbeiten und ihr zu dienen.     

Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Neunzig Jahre IBU an der Humboldt Universität zu Berlin

Hervorragend: Die E-Mail-Einladung zur Feier des 90-jährigen Bestehens der IBU im Jakob-Grimm-Zentrum nahm sich eher bescheiden aus zwischen allen Glanzpapier- Einladungen, die nach einem heißen Sommer in den kleinen Fachverlag in Berlin flatterten.

Aber doch, welch gute Feier, die einen voller Freude auf die 100-jährige blicken lässt Informativ, unterhaltsam bis in die Vergangenheit belehrend, abwechslungsreich, lustig und nachdenklich: großartig geplant und gestaltet.

Der Ritt durch die Vergangenheit zeigte, welche bewegte Zeiten auch dieses vergleichsweise kleine Institut erlebt hatte. Mit Recht wurde, unterstützt durch ein

ansprechendes Video aus diesen Tagen, der Kampf der Studenten um den Erhalt ihres Institutes dem Publikum vor Augen geführt. Es war in seinem Humor, seiner Entschlossenheit und seinem Konzept beispielhaft, besonders für eine Disziplin, deren Vertreter sich lieber bedeckt halten. Er war erfolgreich und sollte nicht nur deshalb Ansporn sein für die – nicht immer einfache – Zukunft. Er zeigte deutlich, dass ein Kampf um eine Sache, für die sich alle per se einsetzen, erfolgreich sein kann und die Studenten wollten (!) ihr Institut erhalten. Voller Trauer vergleicht man diesen Kampf mit dem um die Abwicklung des Deutschen Bibliotheksinstituts (Helga Schwarz: Das Deutsche Bibliotheksinstitut im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischem Interesse) und zwar nicht nur von den Beteiligten in ihren unendlichen Sitzungen, die insgeheim einen von starker Überzeugung getragenen Willen vermissen lassen. Dieser Kampf des Institutes bewies, wie Klugheit, Überzeugung und auch Witz eine Auseinandersetzung zum Erfolg führen könnten. Die damalige Universitätsleitung ließ sich überzeugen, die damalige Politik des ehemaligen DBIs nicht und was gäbe man heute darum, wenn in der unseligen, mit- unter von keiner Sachkenntnis getragenen Debatte um die Digitalisierung, es einen Corpus gäbe, der Sachkenntnis bündele und anregt, um der Politik zielführende Vorgaben zu machen, die man in diesem Land vermisst.

umschlag-schwarz2-21

ISBN 978-3-945610-37-4

Man ließ die Vergangenheit des Institutes, die gleichzeitig auch eine Geschichte der Berufsstandes ist und die internationalen Verbindungen auch dieser Anfänge demonstriert, Revue passieren, ungeachtet aller Bitterkeit, die mit der Um-Organisation und Abwicklung des Institutes an der FU verbunden war. Unbestritten war der Vorteil für den Beruf. Jahrzehntelang gab es keine akademische Ausbildung und Abschluss für den Beruf im Westteil dieser Republik. Wollte am  einen für eine Leiterstelle notwendigen Abschluss erreichen, musste man eine Dissertation in Theologie, Geschichte u.a. aufweisen. Fachverbundene Forschung gab es auf dieser Ebene nicht.

Deshalb überflügelten die angelsächsischen  Länder, alles vorandie USA auch die Bundesrepublik bei weitem. Einen Vergleich mit dieser Zeit und die  berufspolitische Bedeutung, die das Fach damit gewann, zeigt die Autobiographie von Tax Choldin: Der Garten der zerbrochenen Statuen, die Ausbildung und zunehmende  Professionalität des Berufes in den USA nachweist.

Daher war die akademische Struktur des IBU modern, wenn auch die fachliche Ausrichtung und damit die Ausbildung gefesselt waren. Wie prägend solche Ausbildung und Inhalte sein können, zeigten die Gespräche während dieses Festes mit Greguletz und Wawra, die beide auf die Bedeutung der Aufenthalte in den USA hinwiesen. Das IBU war ein modernes Institut, leider politisch gefesselt, wie die Abschlussarbeiten zeigten, die hier auf dieser Veranstaltung  zitiert wurden. Es war daher notwendig, diese Verknüpfungen des Berufsstandes in der sich neu formierenden DDR mit der Vergangenheit des Berufes zu durchleuchten, wie es jetzt mit einer Publikation geschehen soll, die wir hoffen auf der Buchmesse in Leipzig vorzustellen. Besuchen Sie uns dort!

Zurück zu hervorragend: einen deutlicheren Beweis für die Reformwilligkeit des Berufsstandes vermittelte der Auftritt der Frauen auf dieser Veranstaltung: sicher, charmant, wissend, humorvoll – es ist nicht mehr übrig von jenem Bild der Hemdesusen, die ein Journalist Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts von den Bibliothekarinnen zeichnete und das auf einer Tagung in Kroatien vor einigen Jahren noch von der damaligen IFLA Präsidentin Frau Dr. Lux nach gezeichnet wurde.  LIBREAS diese Zeitschrift. Ein leuchtendes Beispiel einer gelungenen Kooperation auch zwischen männlichen und weiblichen Kollegen

Mit dieser Aussicht ist einem um die weitere positive Entwicklung des Berufsstandes nicht mehr bange, auf dass wir unseren Kunden, Lesern, o.ä,  mit D. Lankes zurufen können, Verlangen Sie mehr. Die Bibliothekare sind dazu bereit!

Digitale Parallelwelten

franck-v-740555-unsplash

Photo by Franck V. on Unsplash

Die Buchmesse in Frankfurt am Main und unsere Lebenswelt.

Aufbruch – Künstliche Intelligenz, Was sie bedeutet und wie sie unser Leben verändert schreibt die Google Zeitschrift vom 16.10.2018 und zeigt an Sprachen übersetzen, leichter einen Partner finden, Musik individuell zusammenstellen, Bilder sortieren Anwendungen im heutigen Alltag. Steilvorlagen für die Informationsvermittlung, jener jetzt schon ins 4. Jahr gehende  Veranstaltung  die immer mehr Besucher der Buchmesse in Frankfurt /Main anzieht, gibt sich bescheidener: Turning Information Complexity into Simplicity.  Neue Chancen und Geschäftsmodelle für Information Professionals – nannten sich die Berichte über die Integration der KI in den betrieblichen Informationsdienst. Hellsichtig hatten die Organisatoren die Herausforderungen an die Führungskräfte in der neuen von der KI bestimmten Infrastruktur durch Professor Landwehr als Keynote Speaker definieren lassen. Als Mathematiker und Psychologe verkörperte er fast idealtypisch die Anforderungen,  die auf die Führung aber auch auf  jeden einzelnen zukommen.

Are we data rich and insights poor fragt man sich ängstlich angesichts des Paradoxon der Wertschätzung, deren 4 Formen der  Vortragende auf 4 im Erwerbsleben vorkommende Typen verteilte, wobei die fixierte Unzufriedenheit der Lehrer dem Zuhörer besonders nahe ging, denn schlimmer noch als  bei der resignativen Zufriedenheit haben Lehrer durch die fixierte Unzufriedenheit aufgegeben, etwas zu ändern und damit sich selber. Das ist nicht nur tieftraurig sondern gefährlich, denn wie soll sich eine Gesellschaft entwickeln, die ihre Kinder und Jugend von solchen Lehrern unterrichten lässt?

Immer wieder wird eine Zukunft beschrieben, die von intelligenten Maschinen, und dies ist die künstliche Intelligenz, beherrscht wird. Aber es sieht zur Zeit so aus, als ob die beiden Welten nebeneinander unvereinbar existieren, was die Rückfahrt aus Frankfurt einer Messebesucherin unter Beweis stellte. Die Rückfahrt sollte über Bremen führen, deren Züge zweimal ausfielen. Wie wir heute wissen, brannte der ICE Köln Frankfurt aus. Warum wusste man das nicht in Frankfurt, dazu braucht man keine IK sondern ein schlichtes Telefon. So erfuhr die Reisende, dass zu dieser späten Stunden keine Möglichkeit in der Bundesrepublik bestand, ihr einen Transport nach Bremen zu verschaffen. Hotelzimmer in Frankfurt waren ausgebucht, denn es fand ja die Buchmesse statt.

Als jene Reisende mit einer großen Familie 1949  aus der ehemaligen DDR  floh und man sie damals kreuz und quer durch die Bundesrepublik schickte, kannte  ein ähnliches Gefühl. Auf der Flucht!!! —Die weitere Reise gestaltete sich weniger dramatisch aber doch fragt man sich, warum noch Platzkarten von der Bundesbahn  verkauft werden,  wenn man sie nie einsetzen kann. Abzocke? Wie sie überall – auch gerade mit künstlicher Intelligenz – üblich wird. Und was machen die alten Leute, die  nicht mehr auf dem Boden vor der Tür sitzen wollen. Zu Hause bleiben?

Die Anwendung neuer Methoden bei der Strukturierung von Daten, der Umgang mit der Flut von chinesischen Patenten, die neue Stellung der Versicherungsbranche nach Jahren der Ungewissheit, alles bot Einblicke in eine neue Welt der Informationen, nicht nur im Beruf sondern auch im Tagesgeschäft.

Das von dem Key Note Speaker angesprochene Paradoxon der Wertschätzung, deren Negativorientierung in Deutschland vorherrscht und leider die Null Fehler Pflicht als Form der Wertschätzung beherrscht, kann ein sehr schlechtes Erbe sein in einer Welt, die eigentlich mit den neuen Werkzeugen das Ausprobieren propagiert. Schon wird diese  Negativorientierung im kommunalen Leben  viel zu oft eingesetzt, weil mit dem Nachweis von Fehlern Beamte und Mitarbeiter im öffentlichen Dienst ihre Nützlichkeit, ja Unentbehrlichkeit beweisen wollen – in einer unsicheren Zeit, die jeden Arbeitsplatz obsolet machen kann. Der Mensch, der Kunde wie er so obszön heißt,  spielt dabei keine Rollen. Dieses inhumane Klima zeichnet eine Lebenswelt, die einer Welt der IK nicht dienlich ist – oder besser  ihr konträr entgegengesetzt ist.

Miteinander hieß jene Demonstration, die am Wochenende unzählige Menschen angezogen hat. Die vollen Straßen waren nicht nur dem guten Wetter geschuldet sondern dem Gefühl, übergangen, abgehängt zu sein.

Es ist kein gutes Gefühl! Keine künstliche Intelligenz hilft uns bei der Überwindung oder doch?